Brücken für eine gemeinsame Zukunft
Deutschland und Tschechien verbindet heute eine enge Partnerschaft in Europa. Doch diese Beziehung ist nicht selbstverständlich. Sie beruht auf einer schwierigen gemeinsamen Geschichte, auf politischen Entscheidungen und vor allem auf vielen persönlichen Begegnungen. Eine zentrale Rolle bei ihrer Entwicklung spielt der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds. Seit 1998 unterstützt er Projekte, die Menschen aus beiden Ländern zusammenbringen, gegenseitiges Verständnis fördern und eine lebendige Nachbarschaft schaffen. (zukunftsfonds.cz)
Der Fonds entstand im Zusammenhang mit der Deutsch-Tschechischen Erklärung, die am 21. Januar 1997 unterzeichnet wurde. In dieser Erklärung bekannten sich beide Staaten dazu, ihre Beziehungen weiterzuentwickeln und die Vergangenheit gemeinsam aufzuarbeiten. Der Zukunftsfonds sollte diesen politischen Willen praktisch unterstützen. Aus den Grundsätzen der Erklärung sollten konkrete Begegnungen, Partnerschaften und gemeinsame Projekte entstehen.
Dabei geht es nicht nur um diplomatische Kontakte zwischen Regierungen. Der Zukunftsfonds richtet sich vor allem an die Zivilgesellschaft. Gefördert werden Schulen, Vereine, Gemeinden, Kulturinstitutionen, Jugendgruppen, Hochschulen, Museen und zahlreiche andere Organisationen. Entscheidend ist, dass ein Projekt von deutschen und tschechischen Partnern gemeinsam getragen wird. So entstehen persönliche Kontakte, die über einen einzelnen Besuch oder eine einmalige Veranstaltung hinausreichen können.
Die geförderten Themen sind vielfältig. Ein Schwerpunkt liegt auf Bildung und Jugendaustausch. Schülerinnen und Schüler besuchen sich gegenseitig, lernen die Sprache des Nachbarlandes und setzen gemeinsame Projekte um. Begegnungen mit Jugendlichen sind besonders wichtig, weil sie die deutsch-tschechischen Beziehungen langfristig prägen. Wer früh positive Erfahrungen mit dem Nachbarland macht, entwickelt eher Interesse an Sprache, Kultur und Zusammenarbeit.
Auch Kunst und Kultur gehören zu den wichtigsten Tätigkeitsfeldern des Fonds. Theateraufführungen, Ausstellungen, Konzerte, Filmprojekte, Literaturveranstaltungen und Festivals ermöglichen einen unmittelbaren Austausch. Kultur bietet dabei einen besonderen Zugang: Menschen können sich begegnen, ohne bereits dieselben politischen oder historischen Kenntnisse zu besitzen. Gemeinsames Musizieren, Spielen, Schreiben oder Gestalten schafft Verständigung oft dort, wo Worte zunächst fehlen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Erinnerungsarbeit. Die Geschichte der beiden Länder ist durch Krieg, nationalsozialistische Gewaltherrschaft, Vertreibung und Zwangsarbeit belastet. Der Zukunftsfonds unterstützt deshalb Projekte, die sich mit diesen Erfahrungen auseinandersetzen, Gedenkorte pflegen oder die Lebensgeschichten von Opfern und Zeitzeugen dokumentieren. Erinnerung wird dabei nicht als Selbstzweck verstanden. Sie soll helfen, Vorurteile abzubauen und Verantwortung für Gegenwart und Zukunft zu übernehmen.
In den Anfangsjahren beteiligte sich der Fonds außerdem an der Entschädigung tschechischer Opfer des Nationalsozialismus und ehemaliger Zwangsarbeiter. Insgesamt wurden dafür 45 Millionen Euro ausgezahlt. Dieser Teil der Arbeit zeigt, dass Versöhnung nicht allein durch symbolische Gesten entstehen kann. Sie braucht auch konkrete Anerkennung des erlittenen Unrechts. (zukunftsfonds.cz)
Der Zukunftsfonds fördert jedoch nicht nur große, öffentlich bekannte Vorhaben. Gerade kleinere Projekte in Grenzregionen sind von großer Bedeutung. Dorfpartnerschaften, gemeinsame Feuerwehrübungen, Begegnungen von Sportvereinen oder grenzüberschreitende Feste bringen Menschen zusammen, die nur wenige Kilometer voneinander entfernt leben. In solchen Projekten wird die Grenze nicht als Trennlinie, sondern als gemeinsamer Lebensraum erfahrbar.
Ein Beispiel dafür ist das Programm „Ein Jahr an der Grenze“. Es unterstützt engagierte Menschen, die in den Grenzregionen neue deutsch-tschechische Kontakte aufbauen und eigene Veranstaltungen entwickeln. Ziel ist es, aus einzelnen Ideen dauerhafte Netzwerke entstehen zu lassen. Die Grenze soll nicht als Barriere wahrgenommen werden, sondern als Raum für Zusammenarbeit und neue Freundschaften. (zukunftsfonds.cz)
Die Größenordnung der Förderung macht deutlich, welche Bedeutung der Fonds inzwischen besitzt. Seit seiner Gründung wurden rund 16.000 deutsch-tschechische Projekte unterstützt und insgesamt 88,7 Millionen Euro verteilt. Allein im Jahr 2025 förderte der Fonds 776 Projekte. Diese Zahlen zeigen, dass die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern nicht nur auf offizieller Ebene stattfindet, sondern in vielen Regionen und gesellschaftlichen Bereichen verankert ist. (zukunftsfonds.cz)
Organisiert wird der Fonds durch ein deutsch-tschechisches Büro in Prag. Ein Team aus Mitarbeitenden beider Länder berät Antragstellende, prüft Projektideen, begleitet die Durchführung und kontrolliert die Verwendung der Fördermittel. Über die meisten Anträge entscheidet ein paritätisch besetzter Verwaltungsrat. Dadurch bleibt die Arbeit des Fonds zweisprachig, partnerschaftlich und auf die Interessen beider Gesellschaften ausgerichtet. (zukunftsfonds.cz)
Der Fonds reagiert außerdem auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen. Für das Jahr 2025 stand die Auseinandersetzung mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dem Nationalsozialismus und der Frage „Wie sagt man heute: Nie wieder?“ im Mittelpunkt. Für 2026 richtet sich die Aufmerksamkeit auf die junge Generation. Das Jahresthema 2027 lautet „Gemeinsam Zukunft gestalten: 30 Jahre Deutsch-Tschechische Erklärung“. Damit wird nicht nur zurückgeblickt, sondern auch gefragt, wie die Beziehungen in Zukunft weiterentwickelt werden können. (zukunftsfonds.cz)
Die Stärke des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds liegt darin, dass er politische Verständigung mit konkreten Begegnungen verbindet. Eine geförderte Schulreise, ein gemeinsames Theaterprojekt oder die Renovierung eines historischen Ortes verändert nicht sofort die gesamte Gesellschaft. Für die beteiligten Menschen kann eine solche Erfahrung jedoch entscheidend sein. Sie lernen, dass Geschichte unterschiedlich erinnert wird, dass Vorurteile hinterfragt werden müssen und dass Zusammenarbeit trotz verschiedener Sprachen und Erfahrungen möglich ist.
Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds ist deshalb mehr als eine Förderinstitution. Er ist ein Instrument der europäischen Verständigung. Seine Arbeit zeigt, dass gute Nachbarschaft nicht allein durch Verträge entsteht, sondern durch Vertrauen, Begegnung und gemeinsames Handeln. Die Zukunft der deutsch-tschechischen Beziehungen wird dort gestaltet, wo Menschen einander kennenlernen, Verantwortung übernehmen und aus der gemeinsamen Geschichte neue Perspektiven entwickeln.