Der wütende Heinrich – Eine Kurzgeschichte

Heinrich kommt aus dem Supermarkt. Wie jeden Freitag hat er für das Wochenende eingekauft. Heute war er mal im neuen Supermarkt am Stadtrand. Viel ist es nicht, was er sich leisten kann. Seine schmale Rente reichte gerade für das Notwendigste. Gern hätte er sich mal was Besonderes gegönnt. Eine Dose vom Kaviar vielleicht, die ihn aus dem oberen Kühlregal angelacht hat, als er sich unten die Milch heraus holte. Oder eine Flasche Champagner. Gerade heute an Silvester wäre das ja angebracht. Aber Heinrich hat sich nur eine Flasche des billigen Sekts leisten können. An der Kasse hat er nicht darauf geachtet, wieviel der gesamte Einkauf kostete. Er gab der Kassiererin einen Hunderter und steckte das Wechselgeld unbesehen ein.

Und so geht er nun die lange Hauptstraße zurück zu seiner kleinen Wohnung im obersten Stockwerk eines Mehrfamilienhauses. Er wohnt in diesem Haus schon seit fünfundfünfzig Jahren. Nachdem seine Frau gestorben war, hatte er die größere Wohnung im ersten Stock aufgeben müssen und ist nach oben gezogen. Das Treppensteigen ist ihm anfangs leicht, in den letzten Jahren aber immer schwerer gefallen. Mit siebenundsechzig war es einfacher als jetzt. Achtundachtzig Stufen sind es bis in die Wohnung. Heinrich freut sich schon, wenn er im nächsten Jahr Geburtstag hat. Dann entspricht die Anzahl der Stufen bis zu seiner Wohnung genau seinem Alter.

Aber ist das wirklich Freude, was er empfindet? Er lebt allein, er hat kaum noch Freunde in der Stadt, fast alle sind schon gestorben, seine Kinder leben weit weg mit ihren Familien, er wird zusehends älter und gebrechlicher, er muss sparen, jeden Euro zweimal umdrehen. Eigentlich hat Heinrich gar keine richtige Freude mehr am Leben.

Wenn er nachdenkt, dann steigen oft Wehmut und Verbitterung in ihm hoch. „Was soll das noch?“, fragt er sich. Und er wird wütend. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, über die er in Rage gerät. Das war früher nicht so gewesen. „Ist das alles meine Schuld, dass ich jetzt so leben muss?“, fragt er sich.

Heinrich schließt die Wohnungstür auf und legt die Einkaufstüte auf den Küchentisch, zieht seine Jacke aus und setzt sich auf einen Küchenstuhl. Bevor er die Sachen wegräumt, muss er erst mal verschnaufen. Er holt das Eingekaufte aus der Tüte und vergleicht die einzelnen Artikel mit dem Kassenzettel. Da wird er plötzlich stutzig. Wieviel soll der Sekt kosten? 39,98 steht da! 4,98 war doch der am Regal ausgeschilderte Preis. Was soll das? Man hat ihn betrogen! „Ich muss zurück zum Supermarkt“, denkt er. Er schaut auf die Uhr. Fünfzehn Uhr fünfzig. In zehn Minuten ist Ladenschluss. Heute früher als sonst, wegen Silvester.

Heinrich hat noch die Schuhe an, streift hastig seine Winterjacke über, nimmt die Flasche und eilt los. Als er die Haustür öffnet, fällt ihm ein, dass er den Kassenzettel vergessen hat. Der liegt noch auf dem Küchentisch. Er muss zurück und ihn holen. Das heißt achtundachtzig Stufen wieder hoch.

Er ist wütend auf sich, auf seine Vergesslichkeit und noch mehr auf die Kassiererin des Supermarktes. „Wäre ich doch in den Laden gegangen, wo ich sonst immer einkaufe. Dort wäre das nicht passiert“, brummt er.

Als er den Kassenzettel geholt hat, steigt mit jeder Stufe auf dem Weg nach unten seine Wut weiter. „Na, denen werde ich was erzählen!“, denkt er sich und legt sich schon die Worte zurecht.

Als er den Parkplatz des Supermarktes erreicht, hört er, wie die benachbarte Kirchturmuhr einmal schlägt. „Es ist also schon viertel nach vier“, stellt Heinrich fest. „Aber bestimmt ist noch jemand da.“

Er geht über den fast leeren Parkplatz und will die Tür zum Supermarkt aufdrücken. Aber das geht nicht, sie ist verschlossen. Drinnen ist die Beleuchtung erloschen. Kein Mensch ist im Laden zu sehen. „Es muss doch noch jemand vom Personal da sein“, macht er sich Mut. Heinrich klopft mit der flachen Hand gegen die Ladentür. Nichts rührt sich drinnen. Er klopft nochmal und nochmal. Aus Laden ist kein Lebenszeichen zu erkennen. Heinrich wird immer wütender. Er ruft „Aufmachen!“ Keine Reaktion. Dann tritt er so fest gegen die Ladentür, dass ihm danach sein Fuß schmerzt.

„Da stehen noch einige Autos auf dem Parkplatz. Da muss doch noch jemand da sein“, sagt er sich in seiner Wut. Doch nichts tut sich. Es kocht in seinem Inneren. Heinrich holt die Sektflasche aus der Tüte, fasst sie um den Flaschenhals und will sie gegen die Tür schlagen. Da hört er Stimmen aus dem Laden und sieht einen jungen Mann zur Tür kommen. Der schließt von innen auf und sagt freundlich: „Wir haben leider schon geschlossen. Kommen Sie am 2. Januar wieder.“

Heinrich ist außer sich. „Das geht nicht. Sehen Sie, man hat mich betrogen. Ich muss das jetzt klären. Kann ich den Geschäftsführer sprechen?“

„Das bin ich“, sagt der junge Mann. „Worum geht es?“

Heinrich zittert vor Wut. Mit bebender Stimme sagt er: „Hier sehen Sie. Ich habe vorhin diese Flasche Sekt für 4,98 gekauft und zu Hause musste ich feststellen, dass Sie mir 39,98 berechnet haben.“

„Das kann nicht sein“, entgegnet der Geschäftsführer.

„Doch!“ schreit ihn Heinrich an. „Hier sehen Sie.“ Er klemmt sich die Flasche unter den Arm und will den Kassenzettel aus der Jackentasche ziehen.

Da rutscht Heinrich die Flasche unter dem Arm weg, fällt auf den Steinboden und zersplittert explosionsartig mit einem lauten Schlag. Der Inhalt spritzt Heinrich und dem Geschäftsführer bis ins Gesicht. Regungslos blickt Heinrich nach unten. Er weiß nicht, ob er wütend oder traurig oder verzweifelt sein soll. Der junge Mann nimmt Heinrich den Kassenzettel aus der Hand, schaut ihn sich an und hebt danach das Flaschenteil, auf dem das Etikett klebt, auf und zeigt es Heinrich. „Hier sehen Sie. Sie haben unseren teuersten Champagner gekauft. Beim Griff ins Regal haben sie wohl nicht so genau hingeschaut und nach der falschen Flasche gegriffen. Das tut mir leid.“

Heinrich ist verstummt. Er dreht sich um und will zurück nach Hause. „Halt, warten Sie“, sagt der junge Mann. „Kommen Sie.“

Wortlos folgt ihm Heinrich durch den Supermarkt. Sie gehen durch eine Tür, auf der „Privat“ steht und stehen dann in einem Raum, in dem mehrer Leute mit Gläsern vor sich an einem Tisch sitzen. „Das sind meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt der junge Mann. „Wir feiern jetzt nach Ladenschluss ein bisschen Silvester zusammen. Darf ich Ihnen ein Glas anbieten?“

Heinrich ist etwas verlegen, sagt dann aber: „Ja, bitte, sehr gerne.“ Er stellt sich den Anwesenden, es sind drei Frauen und – außer dem Geschäftsführer – noch zwei Männer, mit Namen vor und nimmt am Tisch Platz. Auf dem Tisch stehen mehrer Flaschen des Champagners, den Heinrich versehentlich gekauft hat. Der Geschäftsführer schenkt Heinrich ein Glas davon ein.

Bis es draußen dunkel geworden ist, bleibt es nicht bei dem einen Glas. Und als der Geschäftsführer das Beisammensein für beendet erklärt, sagt er zu Heinrich: „Mein Bruder hat ein Restaurant oben auf dem Berg. Dort findet wie jedes Jahr eine Silvesterparty statt. Wenn Sie mitkommen wollen, sind Sie herzlich eingeladen.“

Heinrich zögert zunächst, sagt dann aber. „Prima, ich freue mich.“ Seine Wut war jetzt verflogen und er spürt eine fröhliche Leichtigkeit in sich.

Als er am Neujahrsmorgen erwacht, lächelt er. Er weiß gar nicht mehr genau wann und wie er nach Hause gekommen ist, aber er weiß: „Das waren für mich der schönste Jahreswechsel seit Langem.“ 

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